Warum ist Rotfelder Kirche vielen ein Dorn im Auge

(Zeitungsausschnitt undatiert)

Warum ist Rotfelder Kirche vielen ein „Dorn im Auge?"

Widersprüche zu Leitlinien der Dorfentwicklung — Will man die besondere Note des Dorfes zerstören?

Rotfelden. Zum Thema „Ist die Kirche in Rot­felden ein Hindernis" schreibt Dr. Hansmartin Ungericht folgende Zeilen:
… Tatsächlich scheint für nicht wenige die Orts­mitte in Rotfelden mitsamt der Kirchenanlage ein besonderer Dorn im Auge zu sein. Wenn man schon das Pfarrhaus nicht abreißen darf — wie wäre das schön gewesen — dann muß we­nigstens ein Teil des früheren Kirchhofs wei­chen. Eines Kirchhofes, wo die Vorfahren der heutigen Rotfelder Bürger bis 1840 jahrhun­dertelang zu ihrer letzten Ruhe gebettet wur­den. Daß es dann mit dieser Ruhe und vielem anderem auch, endgültig vorbei ist, das scheint man hier noch nicht begreifen zu wollen. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln will man anscheinend in Rotfelden einer beson­ders schön angelegten, in Jahrhunderten ge­wachsenen Ortsmitte zu Leibe rücken und mit Hilfe einer für Rotfelden weit übertriebenen Straßen- und Verkehrsplanung die Kirche aus dem Flecken hinausdrängen. Dafür hat man dann die Autos drin und breite, städtische Stra­ßen mit Rennstrecken. Wenn die Leitlinien für die Dorfentwicklung von Rotfelden so aussehen, dann stehen diese m schärfstem Widerspruch zu den im Januar 1976 von der Landesregierung von Baden-Württem­berg verkündeten Grundsätzen zur Dorfentwick­lung. Diese Grundsätze und Vorschläge zur Dorfentwicklung sind vom Ministerium für Er­nährung, Landwirtschaft und Umwelt in einer Broschüre an alle Bürgermeisterämter versandt worden. In Ebhausen-Rotfelden im Landkreis Calw scheint man von diesen Grundsätzen der Landesregierung noch nichts vernommen zu haben oder vielleicht am Ende gar nichts ver­nehmen zu wollen. In dieser Broschüre heißt es: „Das Dorf der Zukunft darf nicht das Abbild der Stadt in verkleinertem Maßstab sein. Ge­rade auf das andersartige Erscheinungsbild kommt es an ... Die Dörfer, oft in Jahrhunder­ten gewachsen, sollen ihre eigenständige Archi­tektur wahren. Ortsbildprägende und historisch wertvolle Einzelgebäude, Gebäudegruppen und Häuserzeilen begünstigen die erwünschte an­heimelnde Atmosphäre und festigen die Aussage der jeweiligen dörflichen Ausdrucksform. Dorfbildprägende Häuserfronten, Straßen- und Gassenzüge, Platzanlagen sind als Einheit zu betrachten, dementsprechend zu erhalten und zu erneuern ... Die Erneuerung von vorhandenen Platzanlagen sowie Gassen- und Straßenzügen erhält dem Dorf meist mit geringem Aufwand seine besondere Note und steigert die Heimat­verbundenheit ..." Auch in Rotfelden könnte die bestehende Ortsmitte mit einem geringen Aufwand beson­ders anziehend gestaltet werden. Hier hat man jedoch anscheinend etwas ganz anderes vor, nämlich, mit enormen Bodenbewegungen und Abgrabungen die besondere Note dieses Dorf­bildes für immer kaputt zu machen. Man will anscheinend die mißratenen Verkehrsplanungen in den Ortsmitten von Mindersbach und Iselshausen noch übertreffen, statt sich dort ein Lehrbeispiel zu nehmen, wie man es nicht ma­chen soll. Nicht zuletzt hat die Zerstörung von solchen gewachsenen Ortsbildern gerade die Lan­desregierung bewogen, diese Broschüre heraus­zubringen, damit eine weitere Zerstörung des Dorfes unterbleibt. Diese Broschüre bringt klar zum Ausdruck, daß man es hier mit einmaligen, von unseren Vorfahren geschaffenen Werten zu tun hat. An der heutigen Kirchenanlage in Rotfelden mit der Ortsmitte läßt sich noch die gesamte geschichtliche Entwicklung dieses Dorfes in sei­nen letzten 700 Jahren verfolgen und ablesen. Wenn hier einmal alles abgegraben und mit Asphalt überdeckt ist, kann kein Mensch mehr eine lebendige Beziehung zur Geschichte dieses Dorfes und seiner Vorfahren herstellen. Dann steht auch die Kirche und anderes mehr in einer fremden Umgebung, und jeder wird sagen, die kann man auch vollends abbrechen. Diese Anlage mitsamt dem Dorfbrunnen — damals hat man schon die hölzerne Teuchelleitung vom Brunnen im Tal gegraben — wurde um 1280 von dem Kirchrektor Burkhard ge­schaffen. Er war ein Bruder der 1294 erwähn­ten Heilwig von Rotfelden, die zusammen mit ihrem Manne Heinrich genannt ze Banach und ihren Kindern Heinrich, Johann und Konrad in einem „Schlößchen" auf dem Ottenbühl wohn­ten. Weiter war dieser Burkhard ein Bruder von Reinhard und Wetzel von Rotfelden, welche im Jahre 1288 in Oberjettingen erwähnt werden. Dieser Wetzel von Rotfelden nannte sich seit 1311 Wetzel von Ebhausen, weil die beiden Brü­der Burkhard und Wetzel ihr Erbe teilten und Wetzel sich in Ebhausen bei der heutigen Kir­che einen neuen Herrensitz aufbaute. Der un­tere Teil des massigen Kirchturms von Ebhausen dürfte auf ihn zurückgehen. Damals wurde auch die spätere Gemarkungsgrenze im Schlegel und Gärtenfeld zwischen den Besitzungen des Burkhard und des Wetzel festgelegt. Jahrhundertelang saßen dann die Wetzel auf dem sogenannten „Mannlehen" in Ebhausen bei der Kirche. Nicht anders hatten die Nachkom­men des Kirchrektors Burkhard ihren herrschaftlichen Hof bei der heutigen Kirche in Rot­felden, und zwar dort, direkt an der nördlichen Ecke der Kirchhofmauer angebaut, oberhalb der heutigen Molkerei an der Schmiedgasse. Unweit davon stand das Pfarrhaus, das heute der Fa­milie Brenner gehört. Dazwischen und um die Kirchhofmauer gruppiert befanden sich einige kleinere Hofstätten, die von dem großen herr­schaftlichen Hof des Burkhard abhängig waren und deren Insässer verpflichtet waren, auf die­sem Hof Frondienste zu leisten. Diese befestigte Kirchenanlage bot in der unruhigen Zeit um 1300 zugleich Schutz für Mensch und Vieh. Denn dieser Burkhard war auch verpflichtet, in geist­licher und weltlicher Hinsicht für seine ihm un­tergebenen Leute zu sorgen. Und beides konnte mit dieser Kirchenanlage erfüllt werden. Aber nicht allzu lange konnten die Nachkommen die­ses Burkhard diese Verpflichtungen, wozu auch die Besoldung des Pfarrers gehörte, übernehmen. Die Zeiten im 14. Jahrhundert waren für die Landwirtschaft unsicher, und schon der Enkel des Burkhard, der Stainhard hieß, mußte unter seinen Söhnen eine weitere Erbteilung vorneh­men. Und der Enkel dieses Stainhard, Wernher Ungericht, der Volmar, geb. um 1390, gest. um 1460, war gezwungen, sich mit seinem gesamten, mehrere hundert Morgen umfassenden Grund­besitz in die Abhängigkeit des Klosters Reuthin bei Wildberg zu begeben. In diesem Kloster wurde auch aufgeschrieben, daß er auf seinen Gütern „mager gesessen" sei. Seine drei Söhne, Wernher Widmaier, Otto und Sebastian, teilten den Besitz unter sich auf. Wernher erbaute sich einen Hof dort, wo heute die Familie Henne wohnt, Otto blieb auf dem geschrumpften väter­lichen Gut bei der Kirche und Sebastian grün­dete den heute noch so genannten „Maierhof" am Ortsausgang Richtung Pfrondorf. Ein Nachkomme des Wernher Widmaier, der Schultheiß Bartlin Beutle, der im Alter von 90 Jahren starb, hat dann mitten im Dreißig­jährigen Krieg 1626 an entscheidender Stelle mitgeholfen, daß Rotfelden ein neues Kirchen­schiff erhielt, nachdem das alte baufällig gewor­den war. Eine Tafel auf der Südseite der Kir­che nennt ihn zusammen mit dem Schultheißen von Wenden Magnus Braun, der sogar 99 Jahre alt wurde. So blieb diese Kirchenanlage in ihrer Gesamt­heit erhalten, durch alle Stürme der letzten Jahrhunderte, weil es im Dorf immer wieder Leute an entscheidender Stelle gegeben hat, die sich für eine Erhaltung und Erneuerung ein­setzten. Sollten solche Leute heute ausgestorben sein? Wenn man schon nichts mehr von seinen Vorfahren wissen will, dann sollte man wenig­stens soviel Ehrfurcht besitzen, und ihnen dort ihre Ruhe lassen, die sie wirklich verdient ha­be, hinter ihrer Friedhofmauer, bei ihrer Kirche.