Die Zellers aus Rotfelden (Teil 1)

(Alter Zeitungsartikel aus Schwarzwälder Bote)   Dienstag, 10. Januar 1978 Ca Nummer 7

Bedeutendes Geschlecht im Lande: Die Zellers

Aus Rotfeldens Pfarrhaus: Juristen, Prälaten, Pfarrer, Geheimräte und Gelehrte — Geschichte der Heimat

Ebhausen-Rotfelden. Zu dem am 28. Oktober im „Gesellschafter" erschienenen Artikel über das gefährdete Stammhaus der Familie Zeller soll dieser Beitrag einige weitere Angaben bei­steuern, da wohl nur wenigen bekannt sein dürfte, welch bedeutendes Geschlecht von Rot­feldens ältestem Pfarrhaus ausgegangen ist — dem Haus Bulacher Weg 4, das nach dem Wil­len der Gemeindeverwaltung abgebrochen wer­den soll. Die Familie Zeller gehörte im 17. und 18. Jahrhundert zu den vornehmsten und an­gesehensten bürgerlichen Geschlechtern im Herzogtum Württemberg. Zahllose Pfarrer, Prälaten, Juristen, Geheimräte, Gelehrte gingen aus ihr hervor. Mit vielen bedeutenden Gelehr­tenfamilien in Württemberg und darüber hin­aus war sie versippt und verschwägert und mehrere ihrer Mitglieder besaßen großes Ver­trauen am Hof des Herzogs in Stuttgart. Eine unübersehbare Nachkommenschaft ist heute bis in Übersee verbreitet. — Nur die für Rotfelden wichtigen Vertreter dieser Familie sollen hier im folgenden vorgestellt werden. Drei aufein­anderfolgende Generationen der Familie präg­ten in der Zeit nach der Reformation das geistige Bild in Rotfelden und waren vor allem in der großen Notzeit des Dreißigjährigen Krieges Halt und Hilfe der Bevölkerung.

Christoph Zeller

Der Großvater des ersten Zeller in Rotfelden war ein Steinmetz aus Martinszell im Allgäu namens Conrad Zeller. Conrads Sohn Johannes war ein berühmter Baumeister. Er arbeitete für Herzog Ulrich von Württemberg am Bau der Festung auf dem Hohentwiel im Hegau. Als der vertriebene Herzog mit schweizer und hessi­scher Hilfe 1534 die Österreicher besiegt hatte und in sein Land zurückkehren konnte, führte er in Württemberg gemäß seinem Versprechen die Reformation ein. Nach der Überlieferung der Familie Zeller soll der Baumeister Johan­nes Zeller von einer Predigt des württembergi­schen Reformators Erhard Schnepf so angetan gewesen sein, daß er beschlossen habe, dem neuen lutherischen Glauben beizutreten und seinen erstgeborenen Sohn dem Dienste der evangelischen Kirche zu widmen.

Johannes Zeller I, der Baumeister, hatte sich in Tuttlingen niedergelassen und eine dortige Bürgerstochter Waldburga geheiratet. Ihr erster Sohn hieß ebenfalls Johannes. Es ist der spä­tere Pfarrer von Rotfelden, Johannes Zeller II.

Johannes Zeller II war ältestes von fünf Ge­schwistern. Er war 1548 in Tuttlingen geboren. Dem väterlichen' Gelöbnis zufolge studierte er an der damals noch jungen Universität Tübin­gen Theologie bei den bekannten Professoren Jacob Andreae (gleichzeitig Kanzler der Uni­versität) und Jacob Heerbrand. Bei dem Ge­lehrten Martin Crusius promovierte er mit 23 Jahren zum Magister. Von 1571 an war er zwei Jahre lang Klosterpräzeptor (geistlicher Lehrer) und Prediger in St. Georgen, 1574 wurde er Dia­kon in Sulz/Neckar. In diesem Jahre heiratete er Waldburga, die Tochter des Tübinger Rats­herren Jacob Haag. Seine erste selbständige Pfarrstelle erhielt Johannes Zeller II .1576 in Vöhringen. Schließlich erhielt er die Pfarrei Rotfelden im Jahr 1580. Er blieb Pfarrer in Rot­felden bis zu seinem Tod. Fast 34 Jahre lang war er hier Seelsorger. Seine Frau überlebte ihn um neun Jahre. Sie starb in Rotfelden im Hause ihres Sohnes, der seines Vaters Nachfol­ger geworden war.

Diesem ersten Zeller in Rotfelden verdankt das Dorf die damals höchst moderne Einrich­tung der Tauf- und Sterberegister. Mit Zellers Einzug beginnen die Rotfelder Kirchenbücher. Der Pfarrer versah damals gewissermaßen das Standesamt (das zivile Standesamt wurde erst im vorigen Jahrhundert auf den Rathäusern der bürgerlichen Gemeinden eingeführt). Des­halb können wir die Namen der Rotfelder Ein­wohner bis zum Jahr 1580 zurückverfolgen. Nur während des Dreißigjährigen Krieges tritt eine Lücke von sechs Jahren auf. Dagegen haben viele größere Orte ihre standesamtlichen Un­terlagen in den letzten Kriegen verloren. — In des ersten Zellers Amtszeit fällt auch der Über­gang des markgräflichen badischen Amtes Al­tensteig, zu dem bei uns Rotfelden, Minders-bach und Pfrondorf gehörten, an das Herzog­tum Württemberg (1603).

Johannes Zeller II war ein angesehener Mann und besonders wegen seiner Frömmigkeit, Ge­lehrsamkeit, Humanität und Gastfreundschaft soll er gerühmt worden sein. Auch die enge Verbundenheit mit seiner Gemeinde war be­kannt. Er soll mit seiner Frau Waldburga 123 Knaben und 163 Mädchen in seiner Gemeinde zu Pate gestanden sein (auch ein Hinweis, daß Rotfeldens Einwohnerzahl vor dem Dreißigjäh­rigen Krieg eine bisher nicht mehr erreichte Höhe erlangt hatte). In der theologischen Lehr-meinung vertrat er als Anhänger des Universi­tätskanzlers Andrea die streng lutherische Richtung.

Vier Kinder aus seiner Ehe sind bekannt. Der zweite Sohn, Jacob (1577—1651), erlangte die Ämter eines Rechenbankrats (entspricht dem eines Beamten im Finanzministerium) in Stutt­gart, eines Untervogtes in Lauffen und eines Vogtes (entspricht etwa dem Amt eines Land­rates) in Stuttgart. Die einzige Tochter Anne Marie (1579—1645) vermählte sich 1599 in Bulach mit Johannes Hauber, dem späteren Oberhof­prediger des Herzogs Johann Friedrich in Stutt­gart. Aus der Hauberschen Ehe sollen 14 Kin­der hervorgegangen sein, wovon aber nur sechs ihren Vater überlebten. Der jüngste Sohn, Friedrich Zeller, war als einziger in Rotfelden geboren worden (1580). Nach dem Diakonat in St. Georgen und der Pfarrei Vöhringen war er von 1618 bis 1635 Pfarrer in Zavelstein.

Das älteste der vier Geschwister war Johan­nes Zeller III (1575—1635). Nach seiner Ausbil­dung war er zuerst Diakon in Heidenheim, 1603 wurde er Pfarrer in Breitenberg, sechs Jahre später in Bulach. Seit dem Tod seines Vaters (1613) war er Pfarrer in Rotfelden und wohnte also wieder im elterlichen Hause. Als er noch Diakon gewesen war, hatte er sich in Heiden­heim mit Beatrix Bloss, der Tochter eines Berg­verwalters, verheiratet (1600). Der Ehe ent­sprossen sieben Kinder. Noch während des Dreißigjährigen Krieges hatte er die Kirche in, Rotfelden neu bauen und vergrößern lassen (1626). Daran erinnert heute noch die Gedenk­tafel an der südlichen Außenwand über dem Eingang. Nur wenige Jahre nach Fertigstellung der Kirche drang der Krieg auch nach Würt­temberg mit allen seinen Folgen: Verheerun­gen, Plünderungen, Brandstiftungen der Solda­teska, Verarmung, Seuchen unter der Bevölke­rung. Im Pestjahr 1635 raffte die Seuche nicht nur den Pfarrer Johannes Zeller III hinweg, sondern auch seine Frau, seine Tochter Wald­burga in Mömpelgard, zwei seiner Schwieger­töchter, seinen Bruder Friedrich (den Pfarrer in Zavelstein) samt dessen Frau und Sohn und zwei Schwäger. Schlimm hauste die Pest auch unter der Rotfelder Einwohnerschaft. Im Jahr 1635 starben allein 188 Menschen in Rotfelden. Auch die folgenden Jahre müssen schlimm ge­wesen sein, denn die sonst regelmäßig geführ­ten Kirchenbücher sind von 1635 an mehrere Jahre nicht mehr richtig geführt worden.

Johannes Zeller III hatte elf Kinder, wovon jedoch vier schon als kleine Kinder starben. Die älteste Tochter, die wiederum Waldburga hieß, wurde die Gattin von Joh. Leonhard Vollmar, dem württembergischen Hofprediger und Su­perintendenten am herzoglichen Hof in Möm­pelgard (Montbeliard/Frankreich, ehemals württembergisch). — Hohe geistliche Würden erlangte der Sohn Johann Conrad Zeller (1603 bis 1683). Er wurde schon mit sieben Jahren nach Leonberg auf die Lateinschule gebracht, nach dem Besuch der evangelischen Kloster­schulen in Hirsau und Bebenhausen kam er 1624 auf die Universität Tübingen, wo er ein Jahr später zum Magister promovierte. 1631 be­gann er seine Laufbahn als Diakon in Wildberg, nach dem Tod .seines Vaters (1635) versah er für kurze Zeit die Pfarrei Rotfelden, wurde, aber noch im selben Jahre zum Stadtpfarrer und De­kan von Wildberg berufen. Ab 1650 war er De­kan in Vaihingen, ein Jahrzehnt später beklei­dete er das Amt des Prälaten in Murrhardt, da-na,ch des Prälaten in Bebenhausen. Zu höchsten geistlichen Würden stieg er empor, als er schließlich Generalsuperintendent und ab 1669 Senior und erster Assessor der Landschaft (ständische Vertretung im Land) wurde. — Seine erste Ehe schloß er im Sommer 1631 in Rotfel­den mit Anne Marie Essig, Tochter des Bürger­meisters von Bulach. Nachdem Anne Marie 1635 an der Pest gestorben war, heiratete er Blan-dine, die Tochter des Gernsbacher Vogtes Jacob Grückler. 1642 ging er eine dritte Ehe mit Ju-dithe Schwarz, einer Pfärrerstochter von Alt­dorf, ein.

Johann Konrad Zeller, Juli 1603 in Heidenheim geboren

Johann Conrad Zeller hat sich durch seine Bemühungen und Anstrengungen, dem nach 30 Kriegsjahren verwilderten Volk und Land wie­der zu Ordnung, Recht und Sitte zu verhelfen, große Verdienste erworben. Er genoß deshalb, wie auch seine Brüder, im Land und am Her­zogshof großes Ansehen. Zu der Eröffnung des Landtages 1668/1669 wurden deshalb die drei Brüder Johann Conrad, Christoph und Johann Ulrich Zeller in ehrender Weise geladen. Als 1669 der württembergische Prinz Johann Fried­rich getauft werden sollte, ehrte der Herzog die drei Brüder ihrer Verdienste wegen dadurch, daß sie bei der Taufe assistieren mußten: Jo­hann Conrad vertrat die Landschaft (württem­bergische Stände) als Pate, Christoph als her­zoglicher Hofprediger vollzog den Taufakt, Jo­hann Ulrich richtete im Namen des Herzogs den Dank an die Gäste aus.

Neben seinen vielen Aufgaben tat sich Johann Conrad Zeller auch durch Herausgabe mehrerer theologischer Schriften hervor. Er starb 80 jäh­rig und wurde an seiner letzten Wirkungsstätte, in der Klosterkirche zu Bebenhausen, beigesetzt. Dort erinnert ein Grabdenkmal mit einer län­geren lateinischen Inschrift an seine Verdienste und Würden.

Ebenfalls Geistlicher wurde sein Bruder Chri­stoph Zeller, der zum Stammvater der Denken-dorfer Linie wurde. Er war 1605 in Breitenberg geboren worden und schon mit sieben Jahren, wie sein älterer Bruder, aus dem Elternhaus nach Calw auf die Lateinschule gebracht wor­den. In Calw wurde er im Hause des dortigen Rektors der Schule, Johann Ulrich Pregizer, er­zogen. Von 1619 bis 1624 studierte er in Tübin­gen mit Hilfe eines Stipendiums der Stadt Weil (der Stadt).

Schon als Student hielt er öffentliche Predig­ten, die erste 1622 in Rotfelden bei der Beerdi­gung seiner Großmutter Waldburga Zeller. Als Student war er gleichzeitig Privatlehrer bei den Kindern des Tübinger Advokats Andreas Bajer. Auf Bajers Empfehlung hin erhielt Christoph die Pfarrei Liebenstein. Sechs Jahre nach An­tritt dieser Pfarrstelle mußte Christoph vor den Kriegsgreueln in die Reichsstadt Heilbronn flie­hen. Liebenstein wurde ausgeplündert und rohe Soldatenhorden streiften raubend und mordend durchs Land, viele, die ihr Leben vor den Sol­datenhaufen gerettet hatten, wurden von Seu­chen hingerafft. So sah Christoph keine Mög­lichkeit mehr, dort den Dienst wieder aufzu­nehmen. Er übernahm dann die Pfarrei Schlait-dorf. 1639 wurde er Nachfolger des bekannten Dekans und Stadtpfarrers in Calw, Johann Va­lentin Andrea. 1649 wurde Christoph Mitglied des herzoglichen Konsistoriums (entspricht dem heutigen Oberkirchenrat) und Hofprediger in Stuttgart. Als Hofprediger war er der geistliche Vertraute und Beichtvater des Herzogs, den er z. B. 1652 zum Reichstag nach Regensburg be­gleitete. Auch die Aufsicht über die Erziehung der herzoglichen Prinzen war ihm anvertraut. Einige Jahre später promovierte er in Tübingen in Anwesenheit der herzoglichen Familie zum Dr. theol. 1659 wurde er Propst der evangeli­schen Klosterschule Denkendorf (bei Esslingen), und mit diesem Amte erhielt er einen Sitz im Ausschuß der Landschaft. Als der Herzog Chri­stoph Zeller zum Kanzler der Landesuniversität Tübingen wünschte, lehnte dieser ab. Christoph hinterließ zahlreiche Schriften und Werke, ins­besondere mehrere Leichenreden auf Mitglieder des württembergischen Herzogshauses und Landtagspredigten. Sein Hauptverdienst aber war die Hebung und Förderung des Schul-

wesens in Württemberg nach dem großen Krieg, die Förderung der evangelischen Klosterschulen und des theologischen Stiftes in Tübingen.

Über Christoph Zeller gibt es eine in lateini­scher Sprache gehaltene und 1669 gedruckte Lobschrift von der Feder des Tübinger Theo­logieprofessors Balthasar Raith. Dort heißt es unter anderem (Übersetzung Kempf): „Die ge­lehrte Bildung dieses Mannes war in jeder Hin­sicht eine seltene und erlesene, bezüglich der Heiligen Schrift aber einzigartig und hervor­ragend ... er war klug in Beratungen, erfahren in Geschäften, zuverlässig bei Unternehmungen, standhaft in Notzeiten, dem Fürsten gehorsam, eifrig in kirchlichen Angelegenheiten, besorgt und verdient um das Vaterland, allen geben-über menschlich, schließlich erwies er den Schu­len Fürsorge und Anteilnahme und besonders dieser Höchsten gegenüber (gemeint ist die Uni­versität Tübingen; Anm. d. Verfassers), man kann mit ihm nur wenige Ähnliche verglei­chen ..."

Christoph war zweimal verheiratet. Seine erste Frau war Anna Elisabeth Vischer (1571 bis 1650), die Tochter des Untervogts von Wildberg. Über sie schrieb Christoph in sein Tagebuch viele lobende Worte, unter anderem, daß sie „ein helleuchtender Spiegel aller menschlichen Tugenden" gewesen sei. Von den drei Kindern aus dieser Ehe starben zwei im Kindesalter. Die älteste Tochter Anna Barbara (1629—1697) wurde die Gattin des Pfarrers in Oberriexingen und späteren Dekans in Brackenheim, Tobias Canstetter.

Christophs zweite Frau hieß Anna Marga-rethe Jung und war die Tochter des Pfarrers in Gernsbach und Eberstein. Sie war 1615 in Rot­felden geboren worden, wo ihr Vater damals noch Diakon (= Vikar) gewesen war (an der Seite von Pfarrer Johannes Zeller III). Sie ist eine Urenkelin des berühmten Straßburger Ma­thematikprofessors Conrad Dasypodius, dem Konstrukteur der astronomischen Uhr im Straß­burger Münster. Aus der zweiten Ehe gingen acht Söhne und vier Töchter hervor. Die Töch­ter wurden Pfarrersfrauen, die Söhne ergriffen wiederum geistliche Berufe bis auf zwei, welche die Recht studierten. Von diesen wurde der eine Rentkammer-Kanzlist in Stuttgart, der andere Advokat und Sekretär am Reichskammergericht zu Speyer, Frankfurt/M. und Wetzlar und war zeitweilig sogar Rat des Königs von England, dann auch königlich-polnischer und königlich­schwedischer Rat.                  

Nach Christophs Tod 1669 in Denkendorf er­schienen, wie es damals in der gelehrten Welt Sitte war, neben einer langen Leichenrede auch mehrere den Verstorbenen rühmende Klag­gedichte im Druck. So existieren neben einem Gedicht des Universitätsrektors und des Uni­versitätskanzlers weitere 18 Gedichte, die bis auf ein deutsches alle in Latein verfaßt, sind und von ehemaligen Freunden und Kollegen an der Universität und im geistlichen Amte stam­men.

 

ALTE MAUER auf dem Schloßberg in der Wintersonne.

 

JOHANN KONRAD ZELLER, der im Juli 1603 in Heidenheim geboren wurde, starb im März 1683 80jährig als Prälat in Bebenhausen.