Die Zellers aus Rotfelden (Teil 2)

Mittwoch, 11. Januar 1978    Ca Nummer 8
Aus Nagold und Umgebung

Dr. Johann Ulrich Zeller aus Rotfelden - Stifter eines Stipendiums

500 Gulden für bedürftige Studenten — Ein bedeutender Vertreter seines Geschlechts — Stammhaus Rotfelden erhalten

Ebhausen-Rotfelden. Heute veröffentlichen wir den zweiten Teil der „Zeller-Story", die mit Johann Ulrich Zeller beginnt.

Der bedeutendste und bekannteste Vertreter dieser dritten Generation der Zeller, war Chri­stophs jüngerer Bruder Johann Ulrich Zeller. Dieser wurde am 24. November 1615 im Pfarr­haus in Rotfelden geboren und ist zum Begrün­der der Stuttgarter Linie der Zeller geworden. Auch er mußte der Ausbildung wegen wie seine älteren Brüder mit sieben Jahren das Elternhaus und das Heimatdorf verlassen. Er wurde in Mönipelgard von seinem Schwager Joh. Leon-hard Vollmar erzogen, besuchte dort das Gym­nasium und studierte dann in Tübingen, wo er mit 18 Jahren den Grad eines Magisters erlang­te. Die Quelle berichtet dazu: „Dann als bey frü­her Zeit so wol seine scharpffsinnige Fähigkeit/ als Tugendbegieriges Gemüth sich hellscheinend herfür gethan/ haben selbe (Johann Ulrichs El­tern, Anm. d. Verf.) nach eusserster Mügligkeit (= Vermögen, Anmerkung des Verfassers)/ den in zarter Kindheit verspürten Fleiß dises ihres Sohns zu den Studien elterlich befürdert. Worzu ihnen gute Gelegenheit gegeben dero geliebter Tochtermann/ Herr Johann Leonhard Volmar/ welcher ihn vom 7. biß auffs 10. Jahr/ zu Freu­denstatt bey sich behalten/ selbst unterrichtet/ und hernach als er der Kirchen in Mömpelgart Superintendent und Fürstlicher Hoff-Prediger •worden/ zu dem alldort höchst-blühenden Gym-nasio auff Elterliches Belieben mit sich genommen.

Johannes Zeller IV

Von dannen er/ wie viel andere/ nicht nur die völlige Kündigung der Lateinischen und Griechischen/ darinn er einen merckwürdigen (= bemerkenswerten, Anm. d. Verf.) Dolmet­schen abgegeben als Metrophanes der Griech allda sich enthielte (= aufhielt, Anmerkung des Verfassers) unter allezeit danckbarlich gerühm­ter Anführung Herrn Rectoris M. Guionis Brisechous, sondern auch der Frantzösischen und nachmals der Italienischen Sprach sampt einem trefflichen Anfang aller Grund Weißheit oder Philosoph! lauter herrliche Gezeugniß zu sei­nen geliebten und höchstfreudigen Eltern/ so denn auff die Hohe Schul nacher Tübingen ge­bracht hat; all wo er auf vorher gleich conferirtes Baccalaureat (= unterste akademische Prü­fung, Anmerkung des Verfassers) im Jahr 1633 darinn den Höchsten Academischen gradum Magisterij mit sonderbahrem Rhum glücklich erlanget/ und sich nachgehends auff die Wissen­schaft der Rechten/ unter so übertrefflichen Handleitern und weltbrühmten Professoren, Bocero, Besoldo, Harprechto, Lansio und än­dern/ deren Einrathen er gehorsamlich folgte/ mit stäts zu nehmendem Wachsthumb/ fürnehmlich geleget..."

Nach diesem Bildungsgang begab sich der junge Magister auf die Straßburger Universität, wo er das Studium der Rechte fortsetzte und 1639 zum Dr. iur. utr. promovierte. Er war Mit­glied des Reichskammergerichts in Speyer, zeit­weilig auch Hofgerichts-Advokat und Privat­dozent in Tübingen, auch Diplomat an nieder­sächsischen Fürstenhöfen. 1650 wurde er zum Oberrat und neun Jahre später zum Geheimen Regimentsrat in Stuttgart ernannt. Während des Evangelischen Kreistags im Dezember 1673 in Esslingen erkrankte er und starb am 15. De­zember. Er wurde in Stuttgart auf dem Spital­kirchhof beigesetzt. Die Leichenpredigt auf den angesehenen Mann erschien noch im selben Jahre gedruckt.

Im Württembergischen Dienerbuch wird Jo­hann Ulrich Zeller so charakterisiert: „Dieser war ein gottselig und gelehrter, vortrefflich be­redter und sehr laborieuser (= fleißiger) Mann, glücklich in Expeditionibus und Commissioni-bus (= in Aufträgen und Geschäften), allent­halben beliebt wegen friedliebenden Gemüts." Besonders bekannt ist Johann Ulrich Zeller aber als der Stifter des Zellerschen Stipen­diums. An der Universität Tübingen bestand eine Studienstiftung für bedürftige und begabte Landessöhne, das nach einem der beiden Stifter (Martin Plantsch) das Martinianum genannt wurde. Unter den Einnahmeverzeichnissen des Martinianum vom Rechnungsjahr 1675/1676 heißt es: „Es hat weiland Dr. Joh. Ulrich Zeller, gewesener hochfürstlicher württembergischer Geh. Regimentsrat in Stuttgart, dem Stip. Mar­tinianum zu Gutem 500 fl. legiert. Fünfhundert Gulden — das war ein recht ho­hes Vermögen, das Johann Ulrich der Studien­stiftung vermacht hatte. Zum Vergleich dazu folgende Angabe: Um 1680 kostete ein Pferd etwa 30 Gulden.

Johann Ulrich war in erster Ehe mit Marie Margarete Caspar, einer Tübinger Bürgermei­sterstochter, verheiratet, in zweiter Ehe mit Anne Rosine Stieber, der Tochter eines seiner Kollegen in Speyer. Die zwölf Kinder Johann Ulrichs gingen alle aus der ersten Ehe hervor. Nur vier davon überlebten den Vater, nämlich die Söhne Johann Philipp (später Dekan in Böblingen) und Christoph Adam Zeller und. zwei der Töchter, wovon die eine, Dorothea Beate, den späteren herzoglichen Hof- und Leibmedicus Johann Burkhard Mögling hei­ratete.

Dieser Dorothea Beate Mögling verdankt Rot­felden ebenfalls eine Stiftung. Bei der Rotfel­der Kirchenrenovierung vor nunmehr 90 Jahren (1887) kam eine gereimte Inschrift unter dem Verputz hervor, welche im Jahre 1736 der da­malige Schulmeister Johann Georg Dengler verfaßt hatte und die mit folgenden Worten be­gann: „Es hat Frau Dorothee Beate 50 Gülden/ Den armen Schülern und Hausarmen hier ge-stift't..." Jedes Jahr am St.-Thomas-Tag soll­ten dafür Bibeln und sonstige geistlichen Bü­cher für die Bedürftigen angeschafft werden. Die Stifterin starb 1729 in Stuttgart im Alter von 64 Jahren, nachdem sie vom 52. Lebensjahr an erblindet war. Die Stiftung bestand bis in unser Jahrhundert.

Daß Johann Ulrich Zeller auch als hoher Be­amter seinen menschlichen Charakter und seine fromme Gesinnung bewahrt hat, betont die Lei­chenrede über ihn mehrmals. Ein Satz daraus möge noch angeführt werden: „Jedermänniglich/ wer entweder in obhandenen Geschafften bey Hochfürstl. Cantzley oder auch in ändern An-ligen/ mit ihm zu reden gehabt/ oder sonderbares Vertrauen zu ihme .getragen/ hat er leuthseelig angehört mit gutem Unterricht und Bescheid/ nach dem Ers rechtmässig/ diensam und ändern zuträglich befände/ widerumb von sich gelassen/ und wie Job (= Hiob; Anm. d. Verf.) redet/ deß blinden Äug und Lahmen Fuß zu seyn unver­gessen gebliben."

Der vierte und jüngste in dieser tüchtigen Generation- war Johannes Zeller IV. „Derselbige ist Anno 1620 den 19. Decembr. also bey nahen vor 74 Jahren/' zu Rothfelden/ Wildberger-Amts/' von Christlichen/ Gottsförchtigen Eltern/ Herrn M. Johann Zellern/ Pfarrern daselbsten/ und Beatrice, dessen gel. Haußfr. einer gebor-ner Blossin/ in diese Welt gezeuget/ und der Beschluß ihres Kinder-Segens gewesen...", wird in dessen ebenfalls gedruckt erschienener Leichenrede berichtet. Mit 7 Jahren kam er zur Erziehung nach Wildberg und als Elfjähriger ins ferne Mömpelgard zu seinem Schwager Vollmar. Noch kaum dem Knabenalter ent­wachsen, zeichnete er sich dadurch aus, daß er ein großes Verpflegungsdepot der in der Nähe von Mömpelgard lagernden französischen Ar­mee verwaltete. Außerdem unterrichtete er die Kinder des herzoglichen Rates Beuringer, und als dieser vor der Pest floh, leitete er auch des­sen landwirtschaftliches Anwesen. Johannes Zeller IV war kaum 16 Jahre alt, als er in sei­nen Geburtsort Rotfelden zurückkehrte, in dem ein Jahr vorher die Pest seine Eltern hingerafft hatte: „Anno 1636 wurde er von dannen wieder nach Hauß beruffen/ da entzwischen nicht nur allein beederseits Eltern Todts verfahren/ son­dern auch sein liebes Vatterland nach der un­glücklichen Nördlinger-Schlacht elendiglich verwüstet worden; bey so verwirrten Läuffen aber wüsten sich dessen beede Brüder (deren der eine Specialis zu Wildberg/ der ander Diaconus zu Calw war) neben dem verordneten Pfleger/ H. M. Grücklern/ Pfarrern zu Bulach/ nicht zu entschliessen/ welches Studium am nutzlichsten mit ihme möchte zu continuiren seyn/ biß end­lich Herr D. Valentinus Andrae, Specialis zu Calw/ den Entscheid gemacht/ ihne bey der Theologi zu lassen/ weil man folgender Zeit/ wanns zu einem bessern Stand kommen sollte/ dergleichen Leut wohl würde bedürfftig seyn..."

Der Calwer Dekan Joh. Valentin Andrea war es auch, der zu Johannes Aufnahme in das Tü­binger theologische Stift trotz der großen Not, Teuerung und wirtschaftlichen Unsicherheit bei der Calwer Handelscompagnie die Stiftung des Kostgeldes von 40 f 1. pro Jahr erwirken konnte. Ein Beweis auch für die Achtung vor der Be­gabung und Tüchtigkeit der Pfarrerssöhne aus Rotfelden. Unter seinen 20 Kommilitonen des ersten Studienjahres (1639) erhielt Johannes Zeller im ersten und zweiten Jahr „primam & secundam Laurem", d.h. er war der Erste, dann der Zweite, bei den folgenden Ehrungen immer der Dritte („den dritten locum").

Die große Beliebtheit und das Ansehen von Johannes Zeller IV zeigte sich vielfach. Nach erfolgreichem Abschluß seines theologischen Studiums empfahl ihn Andrea an den Hof des Herzogs von Braunschweig, wo Johannes die Prinzen in der französischen Sprache unterrich­ten sollte. Er zog es aber vor, eine Vikarstelle bei seinem Schwager, dem Pfarrer Schmid in Marbach, anzutreten. Die Marbacher baten dar­um, Johannes Zeller als Diakon behalten zu dürfen. Aber Andrea, der inzwischen Konsisto-rial- und Kirchenrat in Stuttgart geworden war, nahm Zeller als engen Mitarbeiter und Sekretär zu sich, weil er ihn bei dem kirchlichen Wieder­aufbau in dem vom Krieg zerrütteten Land brauchen konnte, „bey welcher Function viel wichtiges durch seine Hand und Feder geloffen". Ab 1644 war Johannes wieder als Pfarrer tätig, zuerst in Neuweiler und Breitenberg, dann in Münklingen und Möttlingen, hierauf in Lien-zingen bei Maulbronn. Als Vierzigjähriger wurde er zum Dekan und Stadtpfarrer in Waiblingen bestellt, neun Jahre später übernahm er dasselbe Amt in Vaihingen/Enz. 1680 wurde er Abt von Alpirsbach (als fünfter in der Reihe der evangelischen Prälaten in A.), 1689 schließ­lich Superintendent, Abt von Maulbronn und Assessor der Landschaft. Er starb 1694 an den Folgen eines Schlagflusses und wurde in einer Seitenkapelle in der Klosterkirche Maulbronn beigesetzt. Dort würdigt ihn eine längere latei­nische Inschrift auf seinem Grabmal. Die Leichenrede wurde von dem Dekan in Knittlingen und früheren Pfarrer in Fluorn, Philipp Mel­chior Gräter, verfaßt. Daneben wurden wie für s.eine Brüder Trauergedichte aufgesetzt.

Johannes Zeller IV war wie seine Brüder Christoph und Johann Ulrich zweimal verhei­ratet. Die erste Frau war Anna Maria Geissel, Kaufmannstochter aus Calw, die zweite Anna Catharina Eißlinger, Kaufmannstochter aus Kirchheim u. T. Die acht Kinder stammen aus der 41 Jahre dauernden Ehe mit Anna Maria Geissel. Von den 24 Enkeln waren bei Ableben Johannes Zellers nur noch dreizehn am Leben.

„... eifferig in seinem Christenthum/ wacht-sam in dem Bischofflichen Amt/ gewissenhafft und behutsam in Berahtschlagungen/ Dienst-Ehr- und Friedfertig in Zusammenkunfften/ wohlmeinend in Bestraffungen/ willfährig/ freundlich/ und gutthätig gegen Nohtleidende/

Johann Ulrich Zeller

Betrangte und Dürfftige/ leutselig und aufrich­tig gegen die Untergebene/ besonders Kirchen-und Schuld-Bedienten ...", wird in der Leichen­rede sein Verhalten im Leben beschrieben.

Die Schwester Sibille Zeller (geb. um 1605 in Breitenberg) heiratete 1627 in Rotfelden den Breitenberger Pfarrer Johann Schmid. Schmid war später Pfarrer in Hochdorf, Murr und zu­letzt in Großbottwar.

Die 1614 in Rotfelden geborene Barbara Zel­ler heiratete 1636 Johann Georg Naschold, der als Nachfolger ihres Vaters (Johannes Zeller III) das Jahr zuvor nach Rotfelden gekommen war und also in der schlimmsten Notzeit Rotfelden zu betreuen hatte. Es ist daher kaum verwun­derlich, daß von den angeblich acht Kindern Nascholds nichts Genaues bekannt ist, außer daß ein Sohn namens Johann Jacob nach Wien gekommen sein soll. Naschold war ab 1641 Dia­kon in Herrenberg, 1655—1675 Pfarrer in Ech­terdingen.

Vielleicht ist mit dieser Darstellung gelungen, zu zeigen, welch bedeutendes Geschlecht die Zeller bilden, wieviel hervorragende Männer sie dem Lande stellten, dessen geistige und kul­turpolitische Geschichte sie entscheidend mitge­prägt haben, aber auch, was Rotfelden, gerade in der schlimmsten Kriegszeit, ihnen zu verdan­ken hatte.

Noch einmal, ein Jahrhundert später, war ein Mitglied dieser Familie, Wilhelm Heinrich Zel­ler, ein Ururenkel des Denkendorfer Prälaten Christoph Zeller in Rotfelden (1780 bis 1787). Damit war also ein vierter Vertreter derZellerfamilie in Rotfelden und Wenden Seel­sorger. Dessen Enkelin, die Schultheißenwitwe Hosch, geb. Zeller, in Markgröningen, stiftete den damals namhaften Betrag von 300 Mark für das mittlere Chorfenster in der Rotfelder Kirche anläßlich der Kirchenrenovierung von 1887. Dieses Fenster wurde neben den ändern vor einigen Jahren entfernt. Es ziert heute — allerdings ohne den Spitzbogen — die 1974 auf dem neuen Friedhofteil errichtete Leichenhalle. In der rechten unteren Ecke des Fensters sieht man noch das Zellersche Familienwappen: die von Silber und Rot geteilte Rose auf dem Schild verwechselter Tinktur.

Nicht nur ein Akt der Pietät — wie der ein­gangs erwähnte Artikel schreibt — wäre es, sondern auch eine Pflicht kultur- und geschichtsbewußten Handelns, dieses Stammhaus einer bedeutenden Familie unseres Landes wie­der instand zu setzen. Es soll an die Worte er­innert werden, die der Nagolder Bürgermeister, Herr Dr. Schultis, vor knapp 3 Jahren zu dem Problem einer kulturbewußten Kommunalpoli­tik äußerte. „Wer bereit sei, dem kulturellen Denken einen Vorrang zu geben, müsse sich für die Bewahrung und Restaurierung historischer Bauwerke einsetzen" (Bericht des „Gesellschaf­ters" vom 31.12.1974). Und in Nagold tut sich seit einiger Zeit etwas. Was geschieht in Rot­felden? — Wie wäre es, wenn die hiesige Ge­meindeverwaltung mehr konstruktive statt de­struktive Planungen betreiben würde? Eine Restaurierung des Zellerschen Stammhauses — Entfernung der Dunglege, Ausbesserung der schadhaften Teile, Freilegung des Fachwerkes — könnte wieder ein schmuckes Haus entstehen lassen, dessen Kosten sich bestimmt nur auf einen Bruchteil dessen belaufen würden, was die ganzen Ortsdurchfahrt-Planungen mit ihren Einzelposten (Backhaus, Abbruche, Entschädi­gungen, Straßenbau, Folgekosten und Folge­erscheinungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten) ausmachen werden. Man könnte in dem restaurierten Gebäude Bulacher Weg 4 ein Heimatmuseum für Rotfelden oder auch für die Gesamtgemeinde Ebhausen einrichten, einen Treffpunkt für Jugendliche oder ähnliches. Überdies bestünde, wenn man ernstlich daran interessiert wäre und sich bemühen würde, bei einer solchen neuen Funktionszuführung auch Aussicht auf Zuschuß des Landesdenkmalamtes für eine geschmackvolle Restaurierung des Zellerhauses. Es gibt zahlreiche Beispiele für vor­treffliche Restaurierungen alter Gebäude, wo­durch auch der Ort selbst wieder attraktiver wurde. Der Vorsitzende des Martinszeller Ver­bandes, Herr Dr. Martin Zeller, schrieb unlängst in bezug auf Rotfelden: „Ich kenne wenige Plätze, die ihre ursprüngliche, gewachsene und funktional richtige Form noch so erhalten haben."