Rotfeldener Bettelvogt und das »Heiligenblechle«

Sozialhilfe in Rotfelden seit 1737 / Artikel von der Bettelhaus Renovierung

 

 

Rotfeldener Bettelvogt und das »Heiligenblechle«
Das Bettelhaus in dem Ebhauser Ortsteil hat eine lange Geschichte / Vortrag von Dr. Karl Kemp
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Ebhausen-

Artikel Rotfeldener Bettelhaus

Rotfelden (hok). Tag der offenen Tür im Bettelhaus: Der Historiker Dr. Karl Kempf aus Rotfelden erläuterte in einem Vortrag, was es mit dieser Einrichtung auf sich hat. Ein Armenhaus oder Bettelhaus, wie es in Rotfelden genannt wird, war für ein Dorf nichts Unerhörtes, denn es gibt und gab schon immer Bedürftige, denen zuhelfen wohlmeinenden Bürgern ein Anliegen war.

Für die Gemeinde Rotfelden wird ein Armenhaus erstmals 1737 erwähnt, das heißt, daß es schon vor dem Bettelhaus gemeindliche Armenfürsorge gegeben hat, denn dieses wird erst 1823 neu erbaut. Es sei notwendig, so Dr. Kempf, von der isolierten Betrachtung geschichtlicher Vorgänge weg zu kommen, wie sie oft bei »historischen« Untersuchungen geschieht, um die Verquickung der ortsgeschichtlichen Vorgänge, ihren Zusammenhang, besser zu erfahren. Im Mai 1826 richtete der Stiftungsrat der Gemeinde eine Eingabe an das gemeinsame Oberamt Nagold mit der Bitte, man möge eine Darlehensschuld von 100Gulden gegenüber der Gemeinde Rotfelden erlassen, da die Gemeinde durch verschiedene Aufwendungen der vergangenen Jahre große Unkosten zu tragen hatte, und die Stiftung durch sorgfältige Führung die Summe entbehren könne.
Dem Gesuch wurde nicht stattgegeben, weil das Amt nach der Offenlegung der gemeindlichen Finanzen, die in sehr gutem Zustand waren, die Gemeinde nicht für ausreichend bedürftig hielt. Wieweit
her es mit dem Neubau war,  zeigt ein Vergleich des Baupreises: das Bettelhaus kostete 5000 Gulden, die zur gleichen Zeit gekaufte Feuerspritze nur 100 Gulden weniger.  Wie auch immer: Es gab Fürsorge und Vorsorge im Dorf, man konnte sich beides leisten. Auch hatte die Gemeinde im Jahre 1812 ein »Schul-und Rathaus, völlig aus eigenen Mitteln, erbaut. Damit war sie vielen Dörfern voraus«, so Dr. Kempf. Bei einem Umbau (1888) wurde das Ortsgefängnis mit eingerichtet. Rotfeldener BettelhausDa es sich um einen schwäbischen Ort handelt, ist es selbstverständlich, daß alles sparsam zu sein hatte: »Die Fenster im alten Arrestlokale sind sammt Verkleidungen u. Futter sorgfältig herauszunehmen u. ist das Beste hiervon im neuen Arrestlokale anzubringen«. Dasselbe gilt für die alte Pritsche -sie wurde ausgebaut und neu verwendet. Um im Bettelwesen kein übergroßes Durcheinander entstehen zu lassen, wurde auch hier von Amts wegen Verordnungen erlassen: Nur wer amtliche Erlaubnis zum Betteln hatte, wurde nichtverwiesen; dies galt nur für den Heimatort (und nicht im Wohnort). Man half sich in Rotfelden zeitweise damit, daß die Ortsarmen eine Blechmarke erhielten, deren Kosten aus dem Armenkasten -oder Heiligenkasten -bestritten wurden, der dem Kirchenheiligen gehörte. Daher hießen die Marken »Heiligenblechle«. Um die ganze Angelegenheit amtlich und würdig zu vollenden, setzte man aus diesen Armen einen Bettelvogt ein mit zwei Kreuzern als Lohn, der dafür sorgte, daß die fremden Bettler vom Ort abgehalten wurden. In manchen Gegenden, erklärt Kempf, wurden »die aufgegriffenen Bettler« auf einen Karren gesetzt und in ihren Heimatort oder einfach in den Nachbarort hingekarrt und dort am Ortsrand abgeladen«. Das hieß man dann eine »Bettelfuhr«. Dennoch blieb die Fürsorge hauptsächlich bei den Familienangehörigen und, wenn es die nicht gab, bei privaten Hilfsorganisationen. In der Gemeinde wurde unterschieden: Würdig der Unterstützung waren jene, die schuldlos arbeitsunfähig geworden waren. Unwürdig, die sich vor der Arbeitdrückten oder anstößigen Lebenswandel führten. Soweit die Geschichte des Hauses; die Gegenwart sieht im Vergleich völlig anders aus. Mit Sorgfalt neu hergerichtet, ist es ein schmuckes Haus geworden und blickt in eine angenehmere Zukunft.