Rothfelden 1862

Beschreibung

des

Oberamts Nagold
im Jahr 1862

Rothfelden, mit Ziegelhütte und Mahlmühle

Gemeinde III. Kl. mit 608 Einw., worunter 3 Kath. – Evang. Pfarrei; die Kath. sind nach Rohrdorf eingepfarrt.

Auf der Hochebene zwischen dem Schwarzenbach-Thal und dem Katzenbach-Thal liegt 1689′ über dem Meere der mittelgroße, etwas gedrängt aber ziemlich regelmäßig angelegte Ort, der gleichsam aus 2 sich kreuzenden Straßen besteht, und rings mit schönen Obstgärten umgeben ist. Ein großer Theil des Orts zieht sich an einem sanft geneigten, südlichen Abhang gegen das Katzenbach-Thal hinunter und auf der entgegengesetzten Seite desselben stehen in mäßiger Entfernung von dem Dorf noch einige Gebäude und die Ziegelhütte. Etwa 1/4 Stunde nordöstlich vom Dorf liegt am Schwarzenbach die zur Gemeinde gehörige Mühle mit 2 Mahlgängen und einem Gerbgang. Die Entfernung von der südöstlich gelegenen Oberamtsstadt beträgt 1 3/4 Stunden.

Die Gebäude, unter denen sich mehrere ansehnliche Bauernwohnungen befinden, sind aus Holz mit steinernen Unterstöcken erbaut und durchgängig mit Ziegelplatten gedeckt.

Die beinahe in der Mitte des Dorfe an der Kreuzstraße gelegene Pfarrkirche, wurde nach einer über dem südlichen Eingang angebrachten Inschrift unter Herzog Johann Friedrich im Jahr 1626 erbaut; sie hat spitzbogige Fenster und einen 3seitig geschlossenen Chor. Der 4eckige, mit einem einfachen Zeltdach versehene Thurm ist in seinen 4 unteren massiven Stockwerken sehr alt, während das fünfte, aus Holz erbaute, erst im Jahr 1815 aufgeführt wurde; das untere Stockwerk ist mit einem Tonnengewölbe versehen, was für das hohe Alterthum des Thurms spricht. Auf dem Thurme hängen 3 Glocken, von denen die größte folgende Umschrift enthält: unser lieben Frawen Glocken hais ich, Jörg Röt gos mich do man zalt 1494; auf der mittleren steht: Die Glocke lockt zur Kirche, der Pfarrer zu Gottes Wort, wer diese beid veracht, der muß zur Höllenpfort.

 

Christian Rechlin in Stuttgart gos mich anno 1721. Die kleinste und wohl die älteste trägt weder Schrift noch Zeichen. Das nicht ansprechend ausgestattete Innere der Kirche hat, außer einem gut gearbeiteten Bild des Gekreuzigten, nichts Bemerkenswerthes. Die Unterhaltung der Kirche liegt dem Staat ob.

Der Begräbnißplatz, dessen Ringmauer noch die Kirche umgibt wurde im Jahr 1842 aufgegeben und ein neuer außerhalb des Orts an der Straße nach Effringen mit einem Staatsbeitrag von 400 fl. angelegt.

Das freistehende im Jahr 1783 erbaute Pfarrhaus bildet mit seinen 2 Öconomiegebäuden, seinem Hof und Garten einen sehr angenehmen Pfarrsitz.

Das Rathhaus, ein ansehnliches 3-stockiges Gebäude, das im Jahr 1789 erbaut und im J. 1849 von der Gemeinde um 2000 fl. erkauft wurde, enthält außer den Gelassen für den Gemeinderath noch die Wohnung des Schulmeisters; das Schulhaus mit 2 Lehrzimmern, der Wohnung des Lehrgehilfen, der Kleinkinderschule und der Wohnung der Lehrerin, steht in der Nähe der Kirche.

Ein öffentliches Waschhaus und ein Armenhaus sind vorhanden.

Gutes Trinkwasser liefern 3 laufende und 3 Pumpbrunnen das ganze Jahr hindurch und auf den Fall der Feuersgefahr ist eine Wette in der Mitte des Orts angelegt. Früher bestand zunächst am Ort ein 6 Morgen großer Fischweiher, der längst in Wiesengrund umgewandelt wurde. Auf der Markung befinden sich mehrere Quellen wie der Weiherbrunnen, Riethbrunnen, Schwarzenbacher Brunnen, Küblerbrunnen etc.; periodisch fließende Quellen sind 3 vorhanden.

Die verhältnißmäßig große, in die Länge gedehnte Markung ist, mit Ausnahme der Gehänge gegen die Thäler des Schwarzenbachs und des Katzenbachs, ziemlich eben und hat etwa zur Hälfte einen fruchtbaren Boden, der vorherrschend rothsandig ist; ein Theil besteht aus schweren Thonböden (Zersetzungen des Wellenmergels) und ein kleiner Theil aus den Zersetzungen des Hauptmuschelkalks. Im Allgemeinen ist der Untergrund meist thonig und nicht durchlassend. Durch kräftige Düngung, namentlich auch durch die Anwendung der Jauche, des Gypses, der Hallerde und des Compostes wird der Boden zu verbessern gesucht. In dem östlich vom Ort gelegenen Buchwald sind in dem bunten Sandstein 2 Brüche angelegt, aus denen gute Bau- und Werksteine gewonnen werden; eine Lehmgrube besteht in der Nähe der Ziegelhütte.

 

Die klimatischen Verhältnisse sind wie in Effringen.

Die Einwohner sind sehr fleißige, geordnete Leute; religiöser Sinn, der sich nicht selten bis zum strengen Pietismus steigert, wird bei ihnen beinahe allgemein getroffen. Die Erwerbsmittel bestehen in Feldbau, Viehzucht, Taglohnarbeiten und Waldsamensammeln. Neben den nöthigsten Handwerkern bestehen 2 Schildwirthschaften mit Brauereien und eine großartige Branntweinbrennerei von W. Stähle, der hier sein großes Gut rationell bewirthschaftet. Die Vermögensumstände sind ziemlich gut zu nennen, der vermöglichste Bürger besitzt 70 Morgen Feld und 20 Morgen Wald, der sogenannte Mittelmann 30 Morgen Feld und 10 Morgen Wald und die ärmere Klasse 1/2–2 Morgen. Nur Einzelne haben gar keinen Grundbesitz. Unterstützung von Seiten der Gemeinde bedarf gegenwärtig Niemand.

In dreizelglicher Eintheilung mit 1/4 angeblümter Brache baut man die gewöhnlichen Cerealien, Kartoffeln, dreiblättrigen Klee etc.; Hanf, etwas Flachs und Kraut zieht man in eigenen Ländern. Bei einer Aussaat von 7 Sri. Dinkel, 4 Sri. Haber, 4 Sri. Gerste und ebenso viel Roggen wird der Ertrag zu 4–10 Scheffel Dinkel, 2–5 Scheffel Haber, 2–5 Scheffel Gerste (gedeiht nicht gerne) und 2–5 Scheffel Roggen per Morgen angegeben. Die höchsten Preise eines Morgens Acker betragen 300 fl., die mittleren 100 fl. und die geringsten 20 fl. Von den Getreideerzeugnissen werden jährlich 200 Scheffel Dinkel und 100 Scheffel Haber nach Außen abgesetzt, während Gerste noch auswärts aufgekauft werden muß.

Der Wiesenbau ist sehr ausgedehnt und begünstigt einen beträchtlichen Rindviehstand; die Wiesen sind 2–3mähdig und 1/8 derselben kann bewässert werden. Ein Morgen Wiese erträgt durchschnittlich 25–30 Ctr. Heu und 12 Ctr. Öhmd; die Preise bewegen sich von 80–400 fl. per Morgen.

Die mit Mostsorten und Zwetschgen sich beschäftigende Obstzucht hat sich in den letzten 20 Jahren sehr gehoben, obgleich das Obst nicht besonders gerne geräth und auch in den günstigen Jahren der Obstertrag, mit Ausnahme der Zwetschgen, im Ort verbraucht wird.

Auf der Markung kommt der Flurname „Weingart“ vor, was auf früheren Weinbau hinweist.

Der namhafte Rindviehstand, aus rother Landrace mit Simmenthaler Kreuzung, reiner Landrace und etwas Allgäuerrace bestehend, wird durch 3 Farren, welche ein Bürger Namens der Gemeinde hält, nachgezüchtet. Auf benachbarten Märkten und an Metzger wird ziemlich viel Vieh verkauft.

 

Die Schweinezucht ist unbedeutend, indem die meisten Ferkel (halbenglische und Landrace) von Außen bezogen und theils für den eigenen Bedarf, theils zum Verkauf gemästet werden.

Auf der Markung lassen die Ortsbürger etwa 250 Stück Halbbastarde und deutsche Schafe laufen und entrichten hiefür von dem Schaf 48 kr., von dem Lamm 24 kr. Weidegeld, was der Gemeindekasse 180 fl. und die Pferchnutzung 2–300 fl. jährlich einträgt.

Die Bienenzucht beschränkt sich auf etwa 30 Stöcke.

Durch Vicinalstraßen nach Effringen, Wöllhausen, Warth und Mindersbach ist dem Ort sein Verkehr mit der Umgegend gesichert.

Die Gemeinde besitzt 90 Morgen Waldungen deren Ertrag zur Heizung der Schule und des Rathhauses verwendet wird.

Die jährlichen Zinse der vorhandenen Schulstiftungen werden zur Anschaffung von Schulbüchern für arme Kinder verwendet.

Auf der Flur Mauern soll nach der Sage ein Schloß gestanden sein; auch auf dem Ottenbühl will man in der Nähe des alten Bulacher Wegs schon auf Gebäudeschutt gekommen sein.

Auf dem südwestlich vom Ort gelegenen Burgrain soll eine Burg oder irgend ein Gebäude gestanden sein und an der östlichen Seite des Orts wurde eine römische Münze gefunden.

Etwa 1/2 Stunde östlich vom Ort kommen die Benennungen Ober- und Unter-Neuhausen vor, was auf abgegangene Wohnorte hindeutet.

Rothfelden kam 1603 mit Altensteig von Baden an Württemberg.

Schon früher, 1543, hatte Herzog Ulrich das Pfarrlehen des Klosters Stein am Rhein von der Stadt Zürich gekauft.

Von hiesigem Ortsadel kommen vor: Reinhart et Wezele de Ratfelden, den 4. Juli 1288, Zeugen Graf Burkhards von Hohenberg für das Kloster Reuthin.

Im J. 1005 erscheint Rahtfelda unter denselben Verhältnissen wie Effringen (s. d.) Um 1100 erhielt das Kl. Reichenbach ein Gut in Ratfelde (Wirt. Urk.-Buch 2, 416).

Die Pfarrei ist königlicher Collatur. Ein Burcardus rector ecclesie in Rathuelde erscheint in einer Kloster Hirschauer Urkunde von 1281.